Die Geschichte des „lobenswerten Eiters“ ist komplizierter und aufschlussreicher als die verbreitete Kurzfassung. Schon antike Ärzte unterschieden zwischen verschiedenen Arten von Wundsekret. Hippokratische Schriften werteten dicken, nicht übel riechenden Eiter günstiger als dünnes, faulig riechendes Sekret. Galen wird häufig dafür verantwortlich gemacht, Eiter zu einer Voraussetzung der Heilung gemacht zu haben, doch moderne historische Übersichten zeigen ein differenzierteres Bild: Auch Galen empfahl Behandlungen, die Wunden austrocknen und Eiterung vermindern sollten.
Im Mittelalter hatte sich die Vorstellung, eine gesunde Wunde müsse eine produktive eitrige Phase durchlaufen, dennoch tief in der chirurgischen Praxis verankert. Wichtig ist, dass sie nie unumstritten war. Theodoric Borgognoni argumentierte im 13. Jahrhundert, Wunden müssten keinen Eiter bilden, und Henri de Mondeville erhob im frühen 14. Jahrhundert ähnliche Einwände. Gerade deshalb verwendet diese Karte einen repräsentativen mittelalterlichen Beginn, statt vorzugeben, eine einzige Lehre sei seit Hippokrates unverändert geblieben.
Warum hielt sich die Vorstellung? Vor Mikroben, Antisepsis und Antibiotika waren Infektionen außerordentlich häufig. Chirurgen lernten, relativ lokal begrenzten, dicken weißen Eiter von übel riechenden, sich ausbreitenden und oft tödlichen Infektionen zu unterscheiden. Ein Patient mit ersterem konnte tatsächlich besser abschneiden als einer mit letzterem, wodurch Eiterung wie ein Bestandteil erfolgreicher Heilung erschien.
Semmelweis, Pasteur, Lister, Keimtheorie und antiseptische Chirurgie veränderten die kausale Deutung. Das Ziel wurde, Kontamination und Infektion zu verhindern, statt eine vermeintlich notwendige Phase der Eiterbildung zu fördern.