In den 1930er-Jahren führte der Psychiater Manfred Sakel eine drastische Behandlung der Schizophrenie ein: Hohe Insulindosen versetzten Patientinnen und Patienten in schwere Unterzuckerung und wiederholte Komas, aus denen sie anschließend mit Glukose zurückgeholt wurden. Berichte über auffällige Besserungen trugen dazu bei, dass sich das Verfahren international verbreitete.
Spezialisierte Behandlungsstationen wurden zu aufwendigen medizinischen Einrichtungen mit enger Pflege, wiederholten Eingriffen und der Behandlung von Krampfanfällen oder lang anhaltender Bewusstlosigkeit. Gerade diese Intensität konnte den Eindruck einer besonders wirksamen biologischen Therapie verstärken. Unkontrollierte Fallberichte konnten zugleich kaum zwischen einem spezifischen Effekt des Komas, Auswahl der Patienten, intensiver Betreuung und dem natürlichen Krankheitsverlauf unterscheiden.
Besser kontrollierte Untersuchungen schwächten den Kern der Behauptung. In einem einflussreichen Vergleich schnitten Patienten nach echten Insulinkomas nicht besser ab als eine Kontrollgruppe, die eine sicherere Behandlung erhielt, welche Teile des Behandlungserlebnisses nachahmte, ohne die tiefe hypoglykämische Bewusstlosigkeit auszulösen.
Die Risiken waren erheblich: Krampfanfälle, Hirnschäden, lang anhaltendes Koma, Stoffwechselkomplikationen und Tod. Mit dem Aufkommen antipsychotischer Medikamente in den 1950er-Jahren stand zudem eine praktischere Alternative zur Verfügung, was den Niedergang der Insulinkomatherapie beschleunigte.
Das historische Scheitern bedeutet nicht, dass biologische Behandlungen der Schizophrenie grundsätzlich unwirksam wären. Es zeigt vielmehr, warum ein dramatischer Eingriff und fachliche Begeisterung kontrollierte Evidenz für einen spezifischen therapeutischen Nutzen nicht ersetzen können.