Keine Tatsache mehr

Wiederholt durch Insulin ausgelöste Komas haben eine spezifische therapeutische Wirkung bei Schizophrenie.

Was wir heute wissen

Für die Insulinkomatherapie ist kein spezifischer Nutzen bei Schizophrenie nachgewiesen. Sie birgt Risiken wie Krampfanfälle, lang anhaltendes Koma, Hirnschäden, Stoffwechselkomplikationen und Tod.

Warum sich das änderte

Nachdem Manfred Sakel die Behandlung in den 1930er-Jahren eingeführt hatte, führten dramatische Behandlungsabläufe und Berichte über Remissionen zu einer internationalen Verbreitung. Besser kontrollierte Vergleiche zeigten, dass das Koma selbst sichereren Kontrollbehandlungen nicht überlegen war, während Antipsychotika eine praktikablere Alternative boten.

Status
Widerlegt
Kategorie
Medizin
Akzeptiert für
≈25 Jahre
Ungefähr akzeptiert
1930er- bis 1950er-Jahre
Ungefähr geändert
1950er- bis 1960er-Jahre

In den 1930er-Jahren führte der Psychiater Manfred Sakel eine drastische Behandlung der Schizophrenie ein: Hohe Insulindosen versetzten Patientinnen und Patienten in schwere Unterzuckerung und wiederholte Komas, aus denen sie anschließend mit Glukose zurückgeholt wurden. Berichte über auffällige Besserungen trugen dazu bei, dass sich das Verfahren international verbreitete.

Spezialisierte Behandlungsstationen wurden zu aufwendigen medizinischen Einrichtungen mit enger Pflege, wiederholten Eingriffen und der Behandlung von Krampfanfällen oder lang anhaltender Bewusstlosigkeit. Gerade diese Intensität konnte den Eindruck einer besonders wirksamen biologischen Therapie verstärken. Unkontrollierte Fallberichte konnten zugleich kaum zwischen einem spezifischen Effekt des Komas, Auswahl der Patienten, intensiver Betreuung und dem natürlichen Krankheitsverlauf unterscheiden.

Besser kontrollierte Untersuchungen schwächten den Kern der Behauptung. In einem einflussreichen Vergleich schnitten Patienten nach echten Insulinkomas nicht besser ab als eine Kontrollgruppe, die eine sicherere Behandlung erhielt, welche Teile des Behandlungserlebnisses nachahmte, ohne die tiefe hypoglykämische Bewusstlosigkeit auszulösen.

Die Risiken waren erheblich: Krampfanfälle, Hirnschäden, lang anhaltendes Koma, Stoffwechselkomplikationen und Tod. Mit dem Aufkommen antipsychotischer Medikamente in den 1950er-Jahren stand zudem eine praktischere Alternative zur Verfügung, was den Niedergang der Insulinkomatherapie beschleunigte.

Das historische Scheitern bedeutet nicht, dass biologische Behandlungen der Schizophrenie grundsätzlich unwirksam wären. Es zeigt vielmehr, warum ein dramatischer Eingriff und fachliche Begeisterung kontrollierte Evidenz für einen spezifischen therapeutischen Nutzen nicht ersetzen können.

Evidenz

Quellen und was sie belegen

Historischer Kontext

  • Insulin coma therapy in schizophreniaJournal of the Royal Society of Medicine

    Gibt einen Überblick über die schnelle Verbreitung, schwache Evidenz, kontrollierte Studien und den Niedergang der Insulinkomatherapie.

Primärforschung

Frühere Auffassung

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