Keine Tatsache mehr

Neandertaler waren gebückte, schlurfende und unintelligente Primitive.

Was wir heute wissen

Neandertaler gingen aufrecht und besaßen an kalte Klimazonen angepasste Körper. Sie stellten vielfältige Werkzeuge her, beherrschten Feuer, jagten geschickt, versorgten verletzte Gruppenmitglieder und verwendeten teilweise Schmuck oder andere symbolische Gegenstände.

Warum sich das änderte

Die einflussreiche Rekonstruktion eines alten, arthritischen Neandertalers aus La Chapelle-aux-Saints übertrieb eine gebeugte Körperhaltung. Eine Neubewertung dieses Skeletts sowie weitere Fossilien, Archäologie und Genetik ergaben ein deutlich anderes Bild.

Status
Widerlegt
Kategorie
Menschliche Evolution
Akzeptiert für
≈42 Jahre
Ungefähr akzeptiert
1910er-Jahre bis Mitte des 20. Jahrhunderts
Ungefähr geändert
1950er-Jahre bis heute

Ein einzelnes Skelett prägte das Bild des Neandertalers ungewöhnlich stark. Anfang des 20. Jahrhunderts rekonstruierte Marcellin Boule den alten Neandertaler von La Chapelle-aux-Saints mit gebeugter Wirbelsäule, angewinkelten Knien und schlurfender Haltung. Das Individuum litt an ausgeprägter Arthritis, doch die Rekonstruktion machte die gebückte „Höhlenmenschen“-Karikatur scheinbar anatomisch plausibel.

Spätere Neubewertungen zeigten, dass Neandertaler vollständig aufrecht gehende Zweibeiner waren. Ihre gedrungenen Körper, breiten Rümpfe und relativ kurzen distalen Gliedmaßen lassen sich besser als Anpassungen an kalte pleistozäne Umweltbedingungen verstehen denn als Zeichen primitiver Körperhaltung.

Auch die Archäologie veränderte das Verhaltensbild. Neandertaler fertigten anspruchsvolle Steinwerkzeuge, kontrollierten Feuer, jagten große Tiere und überlebten mitunter schwere Verletzungen, die auf längerfristige Versorgung durch andere Gruppenmitglieder schließen lassen.

Funde von Schmuck, Pigmenten, möglichen Bestattungen und anderen symbolischen Praktiken haben die vermeintliche geistige Kluft weiter verkleinert, auch wenn einzelne Fundstellen und Deutungen weiterhin diskutiert werden.

Die Korrektur sollte Neandertaler nicht zu idealisierten Kopien moderner Menschen machen. Sie hatten eine eigene Anatomie, Populationsgeschichte und kulturelle Entwicklung. Verschwunden ist die Vorstellung eines von Natur aus gebückten, schlurfenden und unintelligenten „Primitiven“.

Evidenz

Quellen und was sie belegen

Frühere Auffassung

  • Homo neanderthalensisSmithsonian Institution

    Erklärt, wie Marcellin Boules Rekonstruktion von 1911 einen stark gebeugten Neandertaler zeigte und das langlebige Klischee prägte.

Aktuelle Evidenz

  • Homo neanderthalensisSmithsonian Human Origins Program

    Beschreibt aufrecht gehende, an Kälte angepasste Neandertaler sowie Belege für Werkzeuge, Feuer, Jagd, Fürsorge, Bestattungen und symbolisches Verhalten.

Historischer Kontext

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