Die Geschichte der vier Körpersäfte ist interessanter als die übliche Kurzfassung „Hippokrates erfand sie und alle glaubten daran“. Ein klares Schema aus Blut, Schleim, gelber Galle und schwarzer Galle erscheint in der hippokratischen Schrift Über die Natur des Menschen, die traditionell Polybos, einem Schüler und Schwiegersohn des Hippokrates, zugeschrieben wird. Gesundheit wurde als richtige Mischung dieser Flüssigkeiten erklärt; Krankheit konnte entstehen, wenn ihre Mengen oder ihre Verteilung aus dem Gleichgewicht gerieten.
Die antike griechische Medizin war jedoch vielfältig. Historiker betonen, dass die Vier-Säfte-Lehre nur eines von mehreren konkurrierenden Flüssigkeits- und Krankheitsmodellen war. Zu einem wesentlich allgemeineren medizinischen Standard wurde sie nach Galen, dem Arzt des 2. Jahrhunderts, dessen umfangreiche Schriften frühere griechische Medizin zusammenführten, kommentierten und erweiterten. Galens Einfluss verband humoralmedizinische Erklärungen mit Anatomie, Diagnose, Ernährung, Arzneien, Aderlass und weiteren Therapien.
Diese spätere Dominanz ist der Grund, warum die quantitative Lebensdauer dieser Karte in der galenischen Epoche beginnt und nicht beim ersten Auftreten der vier Säfte Jahrhunderte zuvor. Galenische Medizin wurde durch byzantinische, islamische und lateinische Gelehrtentraditionen weitergegeben und tief in der medizinischen Ausbildung verankert.
Auch ihr Niedergang verlief schrittweise. Anatomische Entdeckungen, quantitative Physiologie, pathologische Anatomie, Zelltheorie und Keimtheorie ersetzten die Humoralmedizin nicht mit einem einzigen Schlag. Verschiedene Teile des alten Systems verloren zu unterschiedlichen Zeiten ihre Erklärungskraft. Die Karte steht deshalb für die lange Dominanz der galenischen Vier-Säfte-Medizin, nicht für jede antike Vorstellung über Körperflüssigkeiten.